19. April 2012

One Day On Earth - Weltweit schauen am 22. April

Die Welt wird abgefilmt

Dieses Projekt zeigt uns die Welt durch die Augen hunderter Filmemacher, die am gleichen Tag alles drehen dürften, was sie wollten. 
Daraus entstand nach langer Schnittarbeit diese Collage in Spielfilmlänge.

Wer es nicht zu einer der öffentlichen Vorführungen schafft, kann sich trösten.
Der Film läuft auch online!


Global Screening on Earth Day 2012 announced!

Weltweite Vorführung des Dokumentarfilms über den 10.10.10.


Please visit www.onedayonearth.org/screening for information on how to participate.

29. März 2012

SPANIEN


Suchende in einem Erzählpuzzle


Filmbesprechung von Sophie Stallegger

http://www.wienerzeitung.at/_em_daten/_cache/image/wzo/0xUmFuZG9tSVYwMTIzNDU2N1nidusCFNxp3beGCRVnUonCaYJLYASiiJdbCyyEmL7iVOeUhM3TaLudS7j5vBlqAw==.jpgÖsterreich. Ein Fremder auf der Suche nach Spanien. Ein Familienvater auf der Suche nach mehr Glück im Glückspiel. Eine hübsche junge Restaurateurin auf der Suche nach Männern - aber nicht fürs Bett - und deren Ex-Ehemann auf der Suche nach ihr.
Der Film erzählt drei Geschichten von unterschiedlichen Charakteren, die an dem Problem der Sehnsucht, der Eifersucht oder der Spielsucht leiden und bis zum Ende daran kämpfen.

SPANIEN spannt sich an diesen drei Strängen entlang, ohne deren Zusammenhang weiter zu erklären. Wie ein Puzzle verbinden sich nach und nach einige der Szenen und erzählen die Geschichte zwischen dem Anfangs- und Endbild: Dem Zusammenstoß zweier Autos auf einer österreichischen Landstraße. Aus diesem flieht zu Beginn des Filmes ein geschmuggelter Moldawier - im Glauben bereits in Spanien angekommen zu sein - durch die österreichischen Landstraßen, und beginnt in einer Kirche zu arbeiten. Unabhängig davon entwickeln sich parallel dazu andere Geschichten.

Von jedem der Protagonisten wird mit der gleichen Schwere und Tiefe erzählt und keinem wird das Schicksal am Ende abgenommen. Teilweise verweben sich die Geschichten und kreuzen sich Charaktere, doch wird es generell dem Zuschauer überlassen, alle Zusammenhänge zu erkennen.

Ein großes Lob an die merkbar weibliche Regie von Anja Salmonowitz, die mit poetischer Langsamkeit von zwischenmenschlichen Beziehungen erzählt und jeder Szene gleich viel Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Einfühlungsvermögen schenkt.

Dennoch ist dies kein Film, aus dem man mit einer zufriedenen Leichtigkeit hinausgeht. Stattdessen wird man mit dem befangenen Gefühl der Protagonisten allein gelassen und trägt deren ungelöste Probleme noch nach dem Abspann mit sich mit.
Als wären die vorhandenen Puzzleteile am Ende des Filmes zwar alle an ihrem Platz, doch fehlten dazwischen noch einige Teile zur Lösung der Probleme.

Diese Erzählweise aber hat den Effekt, dass der Film nicht so schnell vergessen wird. Einzelne Geschichten kommen noch Tage später zurück ins Bewusstsein und liefern Anstoß zum Nachdenken.
Salomonowitz und Dinev zeigen so die Präsenz gewisser Probleme in unserer Gesellschaft. Darunter das Verschleppen von Ausländern, Verschuldung und das Überschreiten von Grenzen in familiärer Gewalt, sowie gescheiterte Beziehungen und die Suche nach dem Scheitern anderer.
Diese schweren Thematiken bleiben gemeinsam mit langen stillen Szenen in Kirchen oder der Beharrlichkeit und Geduld vom Restaurieren religiöser Statuen, sowie der sich im Film durchziehenden goldenen Farbe in Erinnerung.
Das Thema Religion steht somit als Gegenpol zu den ausweglosen Situationen und lässt sich als Antwort auf die ungelösten Probleme lesen.

SPANIEN bietet dem Zuschauer also ein berührendes Erlebnis mit geheimnisvollen Geschichten und prachtvollen Bildern, jedoch leider nicht genug Zeit, um jede einzelne der Geschichten ausführlich zu behandeln oder einen deutlichen Handlungsstrang zu zeigen.
Dadurch wirkt der Film wie ein Patchwork aus vielerlei Erzählstoffen, aus denen man vielleicht besser drei einzelne Spielfilme hätte fabrizieren können, als verschiedene in 102 Minuten verwebte Themen. Immerhin schaffte der Film es auf die Berlinale und Diagonale.



Regie: Anja Salomonowitz, Drehbuch: Dimitré Dinev & Anja Salomonowitz, 
Darsteller: Tatjana Alexander, Grégoire Colin, Lukas Miko, Cornelius Obonya, 
Laufzeit: 102 Minuten, 
Kinostart: 23.3.2012

10. Dezember 2011

THE GREATEST FILM CRITIQUE EVER WRITTEN

Ein Filmer wird zum Plakat für Markenprodukte, die er karikiert

POM WONDERFUL PRESENTS: THE GREATEST MOVIE EVER SOLD
eine freundliche Besprechung von FILM REPORT ermöglicht durch APEIRON FILMS und KinoBerlino

Ein spärlich bevölkerter Kinosaal in Berlin Friedrichshain. Freitagabend im Dezember 2011. Drei junge Frauen klettern auf die Bühne und kündigen einen Dokumentarfilm an. Zwei der Damen halten Plakate von Saxoprint hoch und laufen damit auf der Bühne aufreizend aber pikiert hin und her. Die dritte Frau (Festivalleiterin Anna Winkler) erwähnt diese Firma etliche Male und liest deren Werbeflyer vor. Die Präsentation erheitert, denn wir sitzen im 1. Internationalen Comedy Film Festival. Da ist Übertreibung geradezu Pflicht. 

http://www.contentmediacorp.com/common/file.php/pg/localhost74/contentfilm.com/binaries/3141/imageWie finanzieren sich Filme und Sendungen heutzutage? Genauer: Was sind Product Placement, Werbung, Marketing? Welche Auswirkungen haben sie auf Menschen, Meinungen, Integrität? Der durch den Fast Food Schocker SUPER SIZE ME bekannt gewordene amerikanische Dokumentarist Morgan Spurlock widmet sich diesen ökonomiekritischen Fragen in einem unterhaltsamen und lehrreichen Experiment. Da gehen die Augen auf und die Kinnlade klappt herunter.
Seine Grundidee ist, dass er charmante 1,5 Millionen Dollar von Firmen einsammeln möchte für genau diesen Film, der sich mit der Markenmacht und Omnipräsenz von Produktnamen in der Unterhaltungsindustrie befasst. Beispiele sind Blockbuster und Großproduktionen, die einerseits Produkte im Film zeigen und sie so mit Charme, Coolness oder Sexappeal der Stars verkaufsfördernd aufladen, andererseits durch Cross-Marketing (Spielfiguren bei Fast Food Ketten, Sammeltassen etc.) den Filmerfolg zu sich selbst zurückholen und Kunden binden. Aber funktioniert das auch bei Autorenfilmen und Dokus? Kann Spurlock das Paradox erschaffen, dass sich Kapitalisten offen und wissentlich von ihm lächerlich machen lassen und dafür sogar bezahlen?

Spurlocks Team arbeitet klassisch: Die Kamera folgt dem Protagonisten und Regisseur in die Chefetagen, zu Anwälten, Werbefachleuten, Postermalern, Musikbands, Fernsehredakteuren, Lehrern, Regisseuren und dem Straßenvolk. Die interviewten Personen geben ihre Meinung und Erfahrung zu seiner Idee kund und entblößen so teilweise unabsichtlich sich selbst und ihre Lebenseinstellung. Der Film handelt fast ausschließlich davon, wie Spurlock Strategen nach einer Verkaufsmethode befragt und wie er von Firmenchefs und deren Werbefachleuten Geld einsammelt oder zumeist herauskomplementiert wird.
Selbstreflexiv treibt Spurlock diese Methode auf die Spitze und sieht ein, dass er selbst zur Marke werden muss. Zunächst bekommt er sehr viele Ablehnungen von Firmen, deren Logos er ständig einblendet und so negativ darstellt. Das kennt man von Michael Moore. Nennen wir es: Den Profiteuren den Spiegel vorhalten. Man soll um Spurlock bangen und sich vor feindlichen Anwälten ängstigen, die ihn verklagen könnten, wie es in Amerika wohl üblich ist. Wird der Film scheitern?
  
http://i.thisislondon.co.uk/i/pix/2011/10/greatestmoviesold_415.jpg
Morgan inszeniert sich leicht irritiert und zunehmend verzweifelt in Geschäften vor Regalen und hält zufällige Produkte ins Bild. Eines davon ist ein Pferdeshampoo, das auch Menschen benutzen können. Der Clou ist, dass Morgan zum Ende des Films hin mit dieser Firma spricht und für sie einen Werbspot macht. Darin sieht man ihn in einer Kamerafahrt mit Schaum im Haar, dann seinen nassen Sohn und schließlich ein shampooniertes Ponny zusammen in der Badewanne. Putzig! So funktioniert THE GREATEST MOVIE EVER SOLD.

Hoffnung macht Spurlock eine Fast-Food und Tankstellenkette, die ihm 100.000 $ geben. Im Gegenzug isst er im Film deren Burger bei Interviews in ihren Filialen und tankt seinen gesponserten Mini-Cooper nur bei ihnen. Weitere 50.000 $ bekommt Spurlock von einer Deodorant-Firma. Später sieht man das Produkt auf dem Tisch beim Interview mit Quentin Tarantino.
Aber der Knaller ist POM, ein Fruchtsaft aus Granatäpfeln. Ganz leger luchst Spurlock dieser Firma eine Million Dollar ab. Dafür tauchen sie nicht nur im Filmtitel auf. Er trinkt vertraglich gebunden nur noch ihren Saft im Bild, macht alle Konkurrenzprodukte unkenntlich, trägt einen Anzug mit ihrem Logo, das auch auf seinen Postern und Autos erscheint.
Zudem baut er direkt im Film drei selbst gemachte Spots für POM WONDERFUL ein, in denen er vergleichende Werbung macht. Zwar lehnt die Firma seine anzüglichen Entwürfe (mit Monster-Erektion) ab. Aber sie bezahlt einen marketingkritischen Film.
Spurlock brüstet sich damit, den ersten Dokumentarfilm mit integrierten Werbespots geschaffen zu haben. Er wirbt auch für eine Hotelkette und inszeniert sich in deren Bademantel in Slow-Motion schlendernd und genießend. Er benutzt nur eine einzige Fluggesellschaft und bastelt mit seinem fotogenen Kind einen Spielzeugflieger. Spurlock erscheint auf allen Bildschirmen in den Flugzeugen, findet sich auf Sammeltassen, Aufstellern, Postern, Werbeflächen und Großtransparenten. Er wird zur Litfasssäule, zum Logo-Mannequin, zur Selbst-Satire in Talkshows. Sogar in Schulen dürfen Fernsehsender Werbung in den USA ausstrahlen. Die Schulleiter kämpfen mit Budgetkürzungen und suchen händeringend nach legalen Finanzierungsmethoden durch Werbung. Das ist bitter.

Als Kontrastbeispiel recherchiert Spurlocks Team eine Großstadt, in der jedwede Außenwerbung verboten und abmontiert wurde. Sao Paulos Bevölkerung wird nicht jede Sekunde in der Öffentlichkeit von Logos, Postern und Leuchtreklame malträtiert und lobotomisiert. Man sieht eine Millionenmetropole, deren graue Hauswände frei von Produkthinweisen und Kaufanreizen sind. Politiker, Händler und Bürger berichten, wie das ihr Leben veränderte. Die Bürger freuen sich über weniger Ablenkung und Augenfrieden oder Kunst und Graffiti. Ihr Selbstwertgefühl steigt durch die Abwesenheit der Photoshop-verschönerten Supermodels und Stargesichter. Die Politiker zitieren Zufriedenheitsumfragen mit 90%. Viele Händler weichen auf Mundpropaganda und Schaufensterdekoration aus. Ihre Marken sind ja ohnehin schon im Unterbewusstsein der Konsumenten angekommen. Es geht also auch ohne permanente Markenhypnose in der Öffentlichkeit. Daran sollte sich Berlin ein Beispiel nehmen!

Wie wir aus unseren Seminaren und Lehrbüchern wissen und durch Talkshows, Feuilleton und Diskurse reflektieren, versucht Marketing in einer Welt der Überinformation, Diversifizierung, Online-Migration und Überproduktion dem Aufmerksamkeitsverfall und der Überalterung der Konsumenten mit Witz, Unterschwelligem, Plattem, Hypnose, PLP, Lügen oder Halbwahrheiten zu begegnen. Ziel von Webung und Politik ist ja, Menschen zum Konsum, zur Wahl zu bewegen und sie langfristig zu binden. Wiederhole deine Botschaft lange genug, um den Widerstand zu brechen! Tu es emotional und mit Klischees; magnetisiere mit Berühmten und Glücksversprechen!
Seit wir das wissen, sind wir keinesfalls alle immun. Aber wir können entscheiden, uns dem Mechanismus weniger auszusetzen oder ihn für unsere Zwecke anzupassen. Wenn Sie bis hierher lasen, interessieren Sie bestimmt auch einige der anderen Texte auf FILM REPORT. Einfach den Wunschtitel rechts klicken und cineastischer werden!

Was bei Leistungssportlern schon lange Usus ist, übernimmt Morgan Spurlock im Selbstversuch auch für den Dokumentarfilmbereich. Ob Werbung generell lügt oder ob Produkte glücklich machen, wird kaum kontrovers diskutiert, lediglich angeschnitten. Wir manipulieren uns alle ständig. Wir nennen es Gesellschaft. Produzenten nennen es Markt. Einige Strategen konditionieren unsere emotionalen Kaufreflexe. Wenn man glaubhaft sein will, braucht man Sichtbarkeit. So der Kernsatz eines Werbefuzzis in Miami. Spurlock kommentiert das nur, indem er es konsequent übertreibt und sich manchmal fragt, ob er sich nun verkauft hätte. Ja. Hat er. Aber für einen guten Zweck und mit erstaunlichem Ergebnis.
Selbst wenn nur einige der Zuschauer ab jetzt bewusster mit den Mechanismen der Marken-Strategen umgehen oder politisch aktiv werden, hat der Filmer sein Ziel erreicht. Wünschen wir ihm das Beste, vollere Kinosäle und einen stets gut mit Saft gefüllten Kühlschrank!

Der Name Spurlock taucht 15 Mal in diesem Artikel auf und verstärkt so das Branding!

Das Comedy Film Festival wurde laut Katalog zu 100% durch Crowdfunding finanziert bei Startnext. Ein Team von 24 Leuten brachte Freunde, Familie und Cineasten im Internet dazu, der Komödie in der Berliner Festivallandschaft durch Spenden eine Nische zu erobern. Wenn das bei kleinen Filmprojekten, Theatern oder Bands funktioniert, warum dann nicht auch bei einem Festival?
Eine Woche lang flimmern Lustiges und Absurdes, Schmunzelstoff und Schenkelklopfer über zwei Leinwände im Filmtheater am Friedrichshain. Hingehen und Lachen heißt also die Devise. Das hält gesund, trainiert das Zwerchfell, schüttet Glückshormone aus und macht eine zweite Auflage des Festivals möglich. Mit den Füßen abstimmen! Die Filmauswahl orientiert sich an Festivalerfolgen und dem Kuratorengeschmack. Willkommen in der Stadt mit fast täglichen Filmfesten! In der Flimmerkiste der Republik.